Normalerweise macht man sich auf einem geschäftlichen Account oder Blog ja Gedanken: Kann ich das wirklich so posten? Wen erreiche ich damit? Wie könnte es auf meine Zielgruppe wirken? Zieht jemand vielleicht sogar echten Mehrwert daraus? Man prüft, sortiert, reflektiert. Und dann schaut man sich um, öffnet Instagram … und fragt sich irgendwann, ob man der Einzige ist, der diese Verantwortung überhaupt noch spürt.
Aber ganz ehrlich?

In letzter Zeit ertappe ich mich immer öfter dabei, wie ich durch Instagram scrolle und mir nach ein paar Sekunden denke: Ich ertrage diesen ganzen Bullshit nicht mehr. Dann mache ich die App einfach wieder zu. Manchmal überkommt mich auch ein kurzer Mutanfall, und ich kommentiere unter einem dieser Beiträge mit Herz und Verstand – oft schicke ich es dann aber doch nicht ab. Irgendetwas in mir denkt: Wozu? Es versickert doch eh. Und am Ende hast du wieder einen Shitstorm an der Backe – und ja, auch wenn ich da mittlerweile ein viel dickeres Fell bekommen hab, stresst es mein Nervensystem. Brauch ich nicht.

Irgendwie läuft da doch was komplett verkehrt.
Heute erst bin ich wieder über diese überzogenen, absolut klingenden Aussagen gestolpert, die aus menschlichen Verhaltensweisen plötzliche Dealbreaker machen oder aus alltäglichen Gewohnheiten Gründe, an sich selbst zu zweifeln. Besonders aufgeregt haben mich diese zwei Behauptungen:

„Wenn er auch nur ein Mal xy macht, mach Schluss.“
(Darunter Dinge, die vermutlich jeder von uns schon irgendwann mal gemacht hat.)

„Wenn du xy tust, wirst du niemals erfolgreich sein.“
(Viele dieser No-Gos hatten ironischerweise mit Entspannung zu tun – einfach mal abgammeln und nichts tun.)

Sätze, die null Raum für Nuancen lassen und dabei so tun, als hätten die Schreibenden Zugang zu irgendeiner höheren Wahrheit – schließlich sind sie so busy und erfolgreich und überhaupt (wenn ich mich reinfühle, ist das teils eher ein „Fake it until you make it“ – regt mich auch schon wieder auf).
Und während man das liest, merkt man, wie subtil diese Botschaften wirken – wie schnell sie verunsichern, wie leicht sie Menschen, die ohnehin auf der Suche sind, in ein schlechtes Gewissen drängen und ihnen sagen: Du musst noch mehr tun! Kein Wunder, dass du so struggelst.

Ich meine … was soll das? Wem hilft das denn wirklich? Es führt zu nichts – außer dazu, dass der Durchschnittsleser anfängt, an sich zu zweifeln, obwohl es dafür überhaupt keinen Anlass gibt. Und trotzdem: Diese Beiträge bekommen unfassbar viele Likes, begeisterte Reaktionen, zustimmendes Nicken.
Während wirklich aufklärende Inhalte, differenzierte Gedanken und Beiträge mit Substanz danebenstehen wie die unbeachteten Kinder auf dem Schulhof – zwar da, aber offensichtlich nicht laut genug für eine Welt, die sich offenbar auch im Jahr 2025 noch nach starken Reizen und klaren Feindbildern sehnt.

Da frage ich mich immer wieder:
Warum funktioniert dieses Schwarz-Weiß-Denken so gut? Warum lassen sich Menschen eher von streng formulierten Regeln, Drohkulissen und künstlich erzeugter Dringlichkeit anziehen als von Echtheit, Sanftheit und Aufrichtigkeit? Haben wir uns so sehr an Extreme gewöhnt, dass wir innere Ruhe und heilsame Impulse gar nicht mehr erkennen, wenn sie uns begegnet? Wollen viele vielleicht gar keine echte Aufklärung, weil sie unbequem ist und die Verantwortung wieder zurück zu uns selbst bringt?

Ja, so ist das. Diese Gedanken begleiten mich in letzter Zeit immer häufiger. Und dann würde ich sie gern teilen – laut und sichtbar. Aber ich halte mich zurück, weil ich fürchte, es könnte falsch ankommen. Als würde ich meine eigene Arbeit hervorheben, indem ich andere Inhalte klein mache. Das ist nicht meine Intention und wird es nie sein. Ich möchte niemanden bloßstellen, ich möchte nichts abwerten – ich möchte einfach nur ehrlich sagen dürfen, was mich stört, ohne in diese toxische Rhetorik einzusteigen, die ich selbst kritisiere.

Und trotzdem möchte ich ein klares Statement setzen:

Instagram ist voll mit manipulativem Bullshit.
Die spirituelle und Coaching-Bubble ganz besonders.
Und die wenigsten erkennen es, wenn sie es lesen.

Das macht mich betroffen.
Betroffen für die Menschen, die dort Hilfe suchen und stattdessen Schuldgefühle, Angst oder falsche Hoffnungen serviert bekommen.
Und es macht mich wütend auf diejenigen, die solche Mechanismen bewusst nutzen – nicht, um zu helfen, sondern um Abhängigkeiten zu schaffen und Reichweite zu generieren. Eigentlich sollten wir doch längst an einem Punkt sein, an dem wir Manipulation hinter uns lassen. An dem wir Verantwortung übernehmen für das, was wir in die Welt tragen, und uns fragen, wie unsere Inhalt auf Menschen wirken, die gerade verletzlich sind (und das ist nun mal die Zielgruppe – Menschen, denen die Sonne aus dem Arsch scheint, suchen selten Unterstützung. Wofür auch).

Warum ich gerade jetzt damit um die Ecke komme? Ich vermute, es liegt daran, dass ich in den letzten Wochen sehr viel Ahnenarbeit mache und mich mit der kollektiven Sichtbarkeitswunde auseinandersetze. Vielleicht müssen wir endlich anfangen, genau darüber zu sprechen – auch wenn es unbequem ist.
Vielleicht sogar gerade dann.

Und soll ich dir noch was verraten? Eine übliche Marketingstrategie ist es, der Zielgruppe eine persönliche Geschichte zu erzählen, um ein Gefühl von Verbindung zu erzeugen. Und am Ende des Beitrags ist es dann an der Zeit, zu sagen: „Und weil das vielen geht wie mir, habe ich ein Angebot entwickeln, wie ich dir helfen kann.“ Jedes Mal, wenn ich so was lese, bin ich sofort raus aus der Nummer und ich hab schon gar keine Lust mehr, irgendwas zu buchen, weil ich mir denke: „Für wie dumm hältst du deine potenziellen Klienten eigentlich?“

Klar möchte man auf sein eigenes Angebot aufmerksam machen. Auch ich, denn auch ich kann meine Brötchen nicht mit einem Lächeln bezahlen (wobei es echt nett wäre), und irgendwie muss man den Leuten ja sagen: „Hey, ich mach das und das – vielleicht ist das interessant für dich.“ Aber diese manipulative Kacke (sorry … wobei … nein, so drücke ich mich nun mal aus und es tut mir nicht leid) ist in meinen Augen einfach nur menschenverachtend.

Und wenn du jetzt denkst: „Okay, und was will sie mir damit jetzt verkaufen?“, dann kann ich sagen: Absolut nichts. Außer vielleicht ein ehrliches Gespräch darüber, warum wir alle manchmal völlig durchdrehen bei diesem Online-Zirkus. Aber mehr hab ich heute nicht im Gepäck, und genau deshalb drücke ich jetzt auf „Posten“ – weil ichs kann. Und weils mal raus musste.

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